Globale Risiken

Im Kontext globaler Trends

Das Weltwirtschaftsforum (World Economic Forum, kurz WEF) veröffentlicht jedes Jahr seinen Bericht zu den globalen Langzeitrisiken für Wirtschaft und Gesellschaft. Kürzlich erschien die 13. Ausgabe. Der Global Risks Report 2018 beleuchtet auch die komplexen Querverbindungen, die zwischen globalen Risiken und Trends bestehen. Hierzu werden im Rahmen des „Global Risks Perception Survey“ (GRPS) insgesamt 900 Mitglieder der WEF-Community befragt, darunter Experten für Wirtschaft, Gesellschaft, Bildung, Politik und öffentliche Verwaltung. Sie bewerten 30 Risiken aus den Kategorien Umwelt, Gesellschaft, Wirtschaft, Geopolitik und Technologie, dazu 13 globale Trends/Entwicklungen. Um die Vernetzung untereinander darstellen und bewerten zu könmnen, wurde den Experten diese Frage gestellt: „Welche sind aus Ihrer Sicht die am stärksten miteinander verwobenen globalen Risiken? Bitte nennen Sie uns drei bis sechs Risikopaare.“ Die Insights des Weltwirtschaftsforums zeigen immer wieder deutlich, dass wir mehr denn je eine systemische Betrachtung brauchen, wie sie der Ansatz von The Natural Step vorsieht.

Die globalen Risiken 2018 im Überblick

Die gute Nachricht zuerst: Die Weltwirtschaft scheint sich zu erholen

Die Menschheit kann mittlerweile ziemlich gut mit konventionellen Risiken umgehen, die sich leicht isolieren und mit bekannten Ansätzen des Risikomanagements bewältigen lassen. Deutlich weniger erfolgreich agieren wir, wenn es um den Umgang mit komplexen Risiken geht. Zahlreiche Volkswirtschaften weisen Anzeichen von Überlastung auf. Der immer schnellere Wandel stellt die Aufnahmefähigkeit von Institutionen, Gemeinschaften und Individuen auf den Prüfstand. Wenn Risiken sich innerhalb eines komplexen Systems ausbreiten, dann besteht immer die Gefahr, dass sie unkontrolliert zusammenbrechen.

Umweltrisiken gewinnen weiter an Bedeutung

Alle fünf Risiken der Umweltkategorie wurden überdurchschnittlich hoch eingestuft, sowohl hinsichtlich der Wahrscheinlichkeit ihres Eintretens als auch bezüglich der Auswirkungen während der kommenden zehn Jahre. Diese Einschätzung folgt auf ein Jahr, das von heftigen Wirbelstürmen, extremen Temperaturen und dem ersten Anstieg der CO2-Emissionen seit vier Jahren geprägt war. Die Grenzen der Belastbarkeit unseres Planeten (Planetary Boundaries) sind erreicht, vielfach sogar bereits überschritten. Die Folgeschäden sind offensichtlich: Die Artenvielfalt geht zunehmend verloren, landwirtschaftliche Systeme geraten immer stärker unter Druck und die Luft- und Meeresverschmutzung gefährdet unsere Gesundheit. Aus Sicht der Experten braucht die Welt langfristige, multilaterale Lösungen, um der Erderwärmung und weiteren Umweltschäden entgegenwirken zu können. Aus Sicht der Experten braucht die Welt langfristige, multilaterale Lösungen, um der Erderwärmung und weiteren Umweltschäden entgegenwirken zu können.

Risiken für die Cybersicherheit nehmen zu

Das betrifft sowohl die Wahrscheinlichkeit des Eintretens als auch das Störpotenzial. Die Angriffe auf Unternehmen haben sich innerhalb von fünf Jahren fast verdoppelt. Vorfälle, die früher als außergewöhnlich galten, werden immer alltäglicher. Die finanziellen Auswirkungen von Sicherheitslücken, zum Beispiel durch erpresserische Angriffe mit Ransomware, müssen uns zu denken geben. Ein weiterer Trend: Cyberangriffe auf kritische Infrastrukturen und strategisch wichtige Industriesektoren. Diese schüren Befürchtungen, dass die Angreifer im schlimmsten Fall den Zusammenbruch von Systemen verursachen, die für unser gesellschaftliches Zusammenleben unverzichtbar sind.

Die Weltwirtschaft scheint wieder auf dem richtigen Weg zu sein

Die wichtigsten Wirtschaftsindikatoren deuten darauf hin, dass die globale Krise überwunden ist, die vor etwa zehn Jahren ihren Anfang nahm. Allerdings darf diese positive Entwicklung uns nicht die Augen verschließen, denn nach wie vor sieht sich die globale Wirtschaft mit einer Kombination aus langjährigen Schwachstellen und neueren Bedrohungen konfrontiert. Zu den bekannten Risiken zählen u.a. potenziell nicht tragfähige Preise für Vermögenswerte, eine erhöhte Verschuldung (insbesondere in China) und anhaltende Belastungen des globalen Finanzsystems. Die neueren Herausforderungen: die eingeschränkte wirtschaftspolitische Handlungsfähigkeit im Fall einer weiteren Krise und Störungen aufgrund der zunehmenden Automatisierung und Digitalisierung.

Eine neue, beunruhigende geopolitische Phase bricht an

Multilaterale regelbasierte Ansätze scheinen nicht mehr zu greifen. Für viele Länder ist die Wiederherstellung des Staates als Mittelpunkt von Macht und Legitimität eine immer attraktivere Strategie. Dadurch geraten die kleineren Staaten zunehmend unter Druck. Neue Risiken und Unsicherheiten entstehen u.a. durch wachsende militärische Spannungen. Außerdem werden die internationalen Beziehungen immer komplexer. Zu konventioneller militärischer Aufrüstung gesellen sich neue Cyberoptionen für „harte“ und „weiche“ Macht, neu- und umgestaltete Handels- und Investitionsbeziehungen, sich verändernde Bündnisdynamiken und potenzielle Krisenherde. Um die Risiken in sämtlichen potenziellen Konfliktbereichen bewerten und im Idealfall verringern zu können, müssen aus Sicht der Experten sowohl staatliche als auch nichtstaatliche Akteure verlässliche Früherkennungssysteme etablieren und Krisen antizipieren.

Zukünftige Erschütterungen, Rückblick und Neubewertung von Risiken

Der Global Risks Report 2018 stellt drei neue thematische Reihen vor: Zukünftige Erschütterungen (Future Shocks), Rückblick (Hindsight) und Neubewertung von Risiken (Risk Reassessment). Sie erweitern die analytische Reichweite des Berichts, weil jede dieser Komponenten eine neue Sichtweise auf die immer komplexere Welt der globalen Risiken ermöglicht.

Future Shocks ist eine Warnung vor Selbstzufriedenheit und Gleichgültigkeit, die daran erinnert, dass sich Risiken nicht selten mit schwindelerregender Geschwindigkeit entwickeln können. In komplexen, vernetzten Systemen können Störungen sehr plötzlich zu dramatischen Ausfällen führen. Der Global Risks Report 2018 zeigt zehn potenzielle Zusammenbrüche auf, die nicht als Vorhersagen zu verstehen sind, sondern als Denkanstöße.

Hindsight betrachtet die Risiken, die bereits in früheren Ausgaben des Reports analysiert wurden. Hier wird eingeordnet, wie sich bestimmte Risiken entwickelt haben und wie die globale Welt damit umgegangen ist. Das Reflektieren von Insights aus früheren Berichten hilft dabei, Maßnahmen zur Risikominderung zu bewerten und aufzuzeigen, welche der anhaltenden Risiken erhöhte Aufmerksamkeit verdient haben. Der diesjährige Report konzentriert sich auf Antibiotikaresistenz, Jugendarbeitslosigkeit und so genannte „digitale Waldbrände“, die große Ähnlichkeit „Fake News“ haben.

Im Risk Reassessment teilen ausgewählte Experten ihre Erkenntnisse darüber, wie Entscheidungsträger in Unternehmen, Regierungen und/oder in der Zivilgesellschaft Risiken bewerten sollten. Roland Kupers schreibt beispielsweise darüber, wie man komplexe Systeme widerstandsfähiger machen kann. Michele Wucker fordert Unternehmen in seinem Beitrag auf, in ihrem Risikomanagement stärker auf kognitive Verzerrungen zu achten.

Unsere kurze Zusammenfassung des Global Risks Reports 2018 in deutscher Sprache können Sie sich per Klick auf den unten stehenden Button herunterladen. Wenn Sie tiefer einsteigen möchten, empfehlen wir Ihnen die Langfassung des Reports in englischer Sprache.

Klassifikation der globalen Risiken 2016

In der 2016er Studie hat das Weltwirtschaftsforum insgesamt 29 globale Risiken definiert, die man fünf verschiedenen Rubriken zugeordnet hat: Umwelt, Gesellschaft, Wirtschaft, Geopolitik und Technologie.

Globale Umweltrisiken

  • Extreme Wetterphänomene, wie u.a. Flutkatastrophen oder Wirbelstürme
  • Scheitern von Maßnahmen für den Klimaschutz und der Anpassung an den Klimawandel
  • Verlust an biologischer Vielfalt (Artensterben) und Kollaps von Ökosystemen (Land, Meer)
  • Große Naturkatastrophen, u.a. Erdbeben oder Tsunamis
  • Menschenverursachte Umweltkatastrophen, wie u.a. radioaktive Verseuchungen oder Ölkatastrophen

Gesellschaftliche Risiken

  • Gravierende Fehler bzw. Scheitern von Stadtplanung und Städtebau, z.B. zu schnelle und unkontrollierte Verstädterung
  • Nahrungsmittelkrisen, u.a. die Knappheit bei Grundnahrungsmitteln
  • Flüchtlingskrise bzw. unfreiwillige Migration in großem Maßstab
  • Tiefgreifende soziale Instabilität
  • Globale Epidemien, u.a. massive und schnelle Ausbreitung gefährlicher Infektionskrankheiten
  • Wassernotstand

Wirtschaftliche Risiken

  • Investitions-/Spekulationsblasen, wie z.B. die Immobilienblase in den USA mit globalen Folgen
  • Deflation in einer tragenden Volkswirtschaft
  • Haushalts- bzw. Finanzkrisen, u.a. des Bankensystems
  • Ausfälle lebenswichtiger Infrastruktursysteme
  • Staats- bzw. Haushaltskrisen in wichtigen Volkswirtschaften
  • Hohe strukturelle Arbeitslosigkeit bzw. Unterbeschäftigung
  • Illegaler Handel, z.B. Menschenhandel, organisiertes Verbrechen, Steuerflucht etc.
  • Schwerwiegende Störungen bei der Energieversorgung oder bei den Energiepreisen, u.a. massiver Preisanstieg oder Preissturz bei Öl-, Gas- und Benzinpreisen (Energiepreisschock)
  • Unkontrollierbare Inflation

Geopolitische Risiken

  • Regierungsschwäche und rechtsstaatliches Versagen, u.a. durch Korruption, Tatenlosigkeit von Staat und Wirtschaft etc.
  • Zwischenstaatliche Konflikte und deren regionale Auswirkungen
  • Schwere terroristische Anschläge
  • Staatszerfall oder Staatskrisen, u.a. durch Bürgerkrieg oder Militärputsch
  • Massenvernichtungswaffen

Technologische Risiken

  • Negative Folgen technologischen Fortschritts
  • Zusammenbruch der IT-Infrastruktur und komplexe Störungen in Telekommunikationsnetzwerken
  • Massive Cyber-Angriffe auf Datennetze, u.a. durch Viren und andere Softwaremanipulationen
  • Massives Auftreten von Datenmissbrauch und Cyber-Kriminalität

Globale Risiken aus regionaler Sicht 2016

In Deutschland wurde 2016 die massenhafte unfreiwillige Migration als größtes Risiko für Wirtschaft und Gesellschaft eingestuft. Keinem anderen Phänomen trauten die Deutschen einen so großen Einfluss auf das Geschehen im eigenen Land zu wie der Massenflucht. Auf den Plätzen zwei und drei folgten 2016 hierzulande die Arbeitslosigkeit bzw. Unterbeschäftigung und die Angst vor Staatskrisen.

Globale Risiken nach Regionen 2016

Quellen: Global Risks Reports 2016, Zusammenfassung in Deutsch; Grafik „Globale Risiken nach Regionen 2016“, deutsche Übersetzung

Die 750 Experten und Entscheidungsträger, die im Rahmen der Studie zur Wahrnehmung der globalen Risiken befragt wurden, sahen regional insbesondere Gefahren für Gesellschaften, die ohnehin schon unter Druck stehen. Einigkeit bestand darin, dass gesellschaftliche Stabilität als wichtigste Grundlage für den Aufbau von Widerstandsfähigkeit gegen globale Risiken und negative globale Entwicklungen einzustufen ist.

Global Risks 2016 – Ausblick

In den kommenden 10 Jahren
  • Wassermangel 39.8%
  • Scheitern von Maßnahmen für den Klimaschutz und bei der Anpassung an den Klimawandel 36.7%
  • Extreme Wetterphänomene 26.5%
  • Nahrungsmittelkrisen 25.2%
  • Tiefgreifende soziale Instabilität 23.3%

Globale Risiken von Flüchtlingsströmen bis zum Klimawandel sind heute allgegenwärtig. Langfristig gesehen, bezogen auf einen Zeithorizont von zehn Jahren, werden aus Expertensicht die Umweltprobleme in den Vordergrund rücken.